Von Abed Schokry
Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freundinnen, Liebe Freunde,
Es ist lange her, seit ich Ihnen/Euch ein Rundschreiben gesendet habe…. Die Verzweiflung
und die Frage nach dem –WARUM- waren sehr stark… Die fehlende Perspektive und die
Hoffnungslosigkeit sowie dass ich keinen Licht am Ende des Tunnels blicken kann, haben zu
dieser Stagnation bei mir geführt.
Meine Arbeit an der Uni, widme ich sehr viel von meiner Zeit…. Und die sozialen
Verpflichtungen nehmen einen nicht kleinen Anteil meiner Zeit auch in Anspruch…
Die ganze Zeit, hoffte ich, Ihnen bzw. Euch einmal eine sehr gute Nachricht mitzuteilen aber
ich warte immer noch sehnsüchtig danach….
Anfang Juni mussten wir aus der gemieteten Wohnung ausziehen und die Suche nach einer
anderen Wohnung, hatte uns auch sehr viel Zeit geraubt… Denn durch den Krieg und durch
das Fehlen von Baumaterialien, stiegen die Mietpreise hoch und ebenso die Preise für
Eigentumswohnungen…..
Das Abtragen der Schotthaufen (was von den zerstörten Häusern) hatte bereits begonnen und
es w(u)erden Versuche unternommen, soviel Materialien wieder zu verwenden, wie nur
möglich. Ich las sogar davon, dass eine spezielle „Mühle“ aus Deutschland nach Gaza
gebracht wurde, um diese Betonblocke bzw. Steine zu zermahlen. Ich habe sie nicht gesehen.
Gedanken zur aktuellen Lage aus dem Gazastreifen
ZEHN Monate sind nun vergangen, nach dem Ende des „Krieges“ (stellvertretend für ein
anderes geeignetes Wort) gegen den Gazastreifen „beendet“ wurde. Dennoch hat der
Wiederaufbau gar nicht begonnen.… Wir sind mitten im Herbst und es hat angefangen zu
regnen… Ich rede davon, weil es Menschen gibt, die in Zelten leben… Vergleicht man die
Bilder von 1948, 1967 und 2009, so findet man leider Etliche Gemeinsamkeiten… Wie lange
müssen wir uns so ergehen lassen? Haben wir noch Kraft? Stehen wir kurz vor der nächsten
Explosion, welche viel stärker sein wird, als alles was je zuvor war…
Ist es nicht die Verantwortung dieser Welt (auch Deutschland, Großbritannien, UNO usw.),
die uns in dieser Lage versetzt haben und nun uns einfach fallen lassen.. Glauben Sie wirklich,
dass der Frieden dadurch erreicht erden kann! Glauben Sie wirklich, dass die israelischen
Nachbarn in Ruhe und Frieden leben werden können, während wir hier ausgehungert werden,
kein Wasser zum Trinken haben, keinen Strom usw. haben. Wenn wir nicht einmal ein Haus
auf(wieder)bauen können, keine Fensterscheiben ersetzen können, welche durch den
„Krieg“ zerbrochen wurden.
Infolge dieser prekären Situation steigt die Anzahl der armen Menschen und in meiner
Umgebung gibt es sehr viele bedürftige Familien, wo ich früher dachte, dass es ihnen doch
gut geht.... Das ist sehr bedrohlich, bedauerlich und enttäuschend bzw. sehr
traurig...Eigentlich ist es eine Schande, die die Welt um uns herum, uns verschuldet hat....
Wir wollen arbeiten,
Wir wollen nicht am Tropfhahn der Welt stehen und immer betteln..
Wir wollen lediglich in Würde und Frieden leben, uns Freibewegen können, uns entwickeln,
so wie wir es wollen und nicht, wie die Ägypter, Syrer, Iraner, und/oder Israelis bzw.
Amerikaner oder wer auch immer, es uns vorschreiben...
Wir wollen genau so wie jeder anderer Mensch auf der Welt planen können, Häuser bauen,
Familien gründen, auch mal Urlaub machen können... Niemand mag eingesperrt sein, nicht
einmal die Tiere... Ich fürchte mich sehr davor, dass es eines Tages richtig sehr laut kracht...
Im Sep. sollte es angeblich mit den Verhandlungen weitergehen. Was soll da nun geschehen?
Wieder mal sich treffen und nichts Weiteres… Ja wir haben uns wieder mal getroffen und uns
verabredet, uns wieder mal zu treffen und es kommt aber nichts bei all diesen Treffen
heraus…Warum treffen wir uns denn? Wie lange soll es so weiter gehen? Verhandelt man da,
den Verhandlungswillen oder verhandelt man um Annäherungen zu erreichen, um Lösungen
zu finden oder warum sonst?
Es wird immer von uns verlangt, Kompromisse einzugehen… Was soviel heißt, 20% der
Gesamtfläche des historischen Palästinas sind auch noch zuviel… Worauf müssen wir da
noch verzichten? Ist da noch etwas geblieben, worauf wir noch verzichten sollten…Wenn Ja,
dann soll(t)en Sie uns das sagen, damit wir es ja uns überlegen können…..
Ohne genügend Druck von Ihnen „Verehrte Außenwelt“ wird sich NICHTS an unserer Lage
ändern… Das wissen wir, genau so wie Sie es auch wissen… Also warum sollten wir ständig
Umwege suchen, wo wir doch „einen kürzeren Weg“ kennen.
Wie soll es mit uns hier weitergehen? Werden wir weiterhin durch die Hilfsgüter am Leben
erhalten, ohne Perspektive und Hoffnung? Was geschieht hier eigentlich? Und warum
geschieht das? Wo sind die Hüter der Menschenrechte? Und wo sind die demokratischen
Kräfte (Präsidenten) dieser Welt…
Diese Gedanken rauben mir den Schlaf nachts, daher entschied ich mich, sie hier
niederzulassen und nicht mit mir rumzuschleppen. Ich will mal auch „Freisein“.
Nun aber komme zum Alltag zurück
Die Schule hatte in der zweiten Hälfte des Monats August begonnen und ging meine Tochter
hin. Sie hat Englisch, Arabisch, Mathematik, Religion, Kunst, Sport, Computer, Algemine
Wissenschaft (so etwas wie allgemeine Einführung in Biologie, Chemie und Physik), dann
Nationale und Zivile Gesellschaftsfächer. Das ist ganz schon viel für ErstklässlerIn… Aber so
ist das System aufgebaut… Es kommt auf die Quantität und nicht auf die Qualität, -so scheint
es mir zu sein-… Ich hoffe so sehr, dass ich mich dabei irre….
Allerdings reichen die Schulen nicht mehr aus, da auf der einen Seite viele Schulen während
des „Krieges“ zerstört wurden, und auf der anderen Seite wegen dem natürlichen
„Wachstum“ der Bevölkerung. Leider fehlen immer -bis heute- Schreibhefte und wir
hoff(t)en, dass diese Hefte bald in den Gazastreifen gebracht werden aber bis heute haben wir
sie nicht erhalten können. Über die Tunnel Hefte zu bringen, würde sich nicht lohnen, las ich
mal im Internet….
Vor ca. einigen Wochen wurden wir von sehr lauten Geräuschen gegen 6:00 Uhr früh
geweckt, es war sehr erschreckend für meine Kinder, denn infolgedessen haben beide
angefangen zu sehr laut zu schreien und die ältere Tochter zitterte am ganzen Körper…
Traumatisiert…..Eigentlich benötigen alle Einwohner des Gazastreifens Betreuung, da alle
traumatisiert sind… Wie soll es aber mit den Kindern weitergehen?
Vorgestern hatte ich Alpträume und da ging es nur um F16-Kampfflugzeuge, und dass ständig
um mich herum geschossen wurde, so dass ich immer fliehen musste….Sind diese Trauma -
Erscheinung?
Die Wasserprobleme sowie das Problem mit dem Strom, sind die Gleichen geblieben…Aber
mit dem Strom klappt es besser (wir kriegen keinen Strom nun an zwei Tagen wöchentlich,
einmal tagsüber und einmal abends… Es kommt auch zur weiteren Unterbrechungen der
Stromversorgung aber es dauert dann nicht so lange und dann ist der Strom wieder da. Eine
Entspannung ist auch nicht in Sicht (zumindest hinsichtlich des Wassers, da die Ressourcen
nicht ausreichen). Was den Strom aber angeht, so scheint es mir möglich, dass das Problem
gelöst werden kann, wenn es den nötigen Willen auch dafür gebe… En anderes Problem
steht uns bevor mit dem Abwasser. Das Abwasser wird in Grabungen in der Nähe von
Wohngegenden aufbewahrt (Die Seitenwände auch aus Sand) und mit dem Regen, da wächst
die Gefahr, dass diese Wände den dadurch entstehenden Druck nicht durchhalten und brechen
werden…. Die Folgen sahen wir bereits einige Jahre zuvor.
Leben an der UNI in Gaza:
Das Uni-Jahr hat in Gaza DREI Semester…Erstes Semester beginnt in der Regel um den
01.09. herum und endet im Jan. Gegen Mitte Feb. fängt das zweite Semester an und dauert bis
ca. Ende Juni. Dann folgt das dritte Semester (intensiv) und geht über Sieben Wochen usw.
Das System ist nach Stundenzahl aufgebaut (ähnlich dem neuen European Credit Transfer and
Accumulation System, ECTS). Sonst sind die Prüfungen meistens schriftlich.
Mündliche Prüfungen sind eher eine Rarität…Ich rede hier nicht über die Präsentationen der
Abschlussarbeiten und deren Diskussionen.
In der Fakultät für Ingenieurwissenschaften, finden fast alle Vorlesungen in Englischer
Sprache, wie eben die Prüfungen auch….
Zurzeit finden die Prüfungen zur Hälfte des Semesters statt und da sind wir sehr damit
beschäftigt.
Unsere Sachen UND das Leben geht tatsächlich WEITER:
Unsere Sachen lagern immer noch in Israel….
Und daher haben wir uns nun ein gebrauchtes Fernsehgerät angeschafft und manchmal
kommt es sogar vor, dass ich mir die Euronews anschaue und gelegentlich schalte ich auch
auf die Deutsche Welle um, wenn unsere Kinder es uns „erlauben“. Es ist nicht immer leicht,
sich Zeit zum Erholen zu nehmen oder aber sich einwenig entspannen zu können. Hier in dem
Gazastreifen ist immer etwas los….Und so habe ich kaum Zeit fürs Fernsehen.
Neue Fernsehgeräte gab es nicht (aber jetzt findet man doch fast alle elektrischen Geräte über
die Tunnel zu drei- bis vierfachen Preisen). Das Käuferverhalten ist hier ganz anders, denn die
Händler verlangen meisten einen höheren Preis, denn es kommt immer zum Feilschen…Und
ohne Feilschen und Handeln kommt kaum ein Geschäft zustande. Hat man nun um ein
Beispiel zu nennen, eine Hose gekauft, so kann man sie binnen Drei Tagen umtauschen,
Rückgabe ist meistens nicht möglich, Quittungen kriegt man fast nie…Ebenso ist es mit der
Garantie, denn meistens gibt es keine Garantie… Von meinen Freunden höre ich immer
wieder, dass es früher mal auch Garantie gab. Gelegentlich erzähle ich auch von meinem
Leben in Deutschland, wie es war und wie alles so sehr gut organisiert und wie das System
aufgebaut ist und wie es in der Tat auch funktioniert.
Es kommt sogar vor, dass die Freunde weiterfragen, während andere zu mir sagen, ich solle
nicht allzu viel träumen, so etwas würde hier niemals laufen….
Jedes Haus eine Nummer in Gaza Stadt:
Heute las ich im Internet, dass die Weltbank ein Projekt finanzieren wird, so dass jedes Haus
am Ende des Projektes eine Nummer haben wird und jede Straße wird einen Namen
bekommen, so dass ein Postsystem entwickelt werden kann. Das Rathaus der Stadt Gaza
übernimmt die Durchführung des Projektes. Viele Straßen haben zwar Namen aber selten
kennen die Bewohner der jeweiligen Straßen diese Namen.
Zum Schluss, noch eine Information, ich sollte eigentlich nach Deutschland fliegen, da ich zur
Teilnahme an dem Kirchentag in Bremen eingeladen wurde aber leider hat es nicht geklappt.
Es ist ganz schon sehr schwer den Gazastreifen zu verlassen und ebenso ist es sehr schwer
wieder in den Gazastreifen einzureisen.
In der Hoffnung, dass es nicht wieder zum Krieg hier kommt, verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen
Dr. Abed Schokry


